[Rezension] Kaiser, Mareice - Alles inklusive

Mittwoch, 4. Januar 2017

Quelle: Fischerverlage
Titel: Alles inklusive
Originaltitel: -/-
Autor: Mareice Kaiser
Übersetzer: -/-
Erscheinungsdatum: 24. November 2016
Verlag: Fischer Verlag
ISBN: 978-359-629606-4
Format: Taschenbuch
Seiten: 288
Preis: 14, 99€

*Hier kaufen*





»96 Prozent aller Kinder kommen gesund zur Welt. Meine Tochter gehört zu den anderen vier Prozent.« 

Ein Buch, das mitnimmt – in einen außergewöhnlichen Familienalltag. Elternwerden hatte sich Mareice Kaiser anders vorgestellt: Ihre erste Tochter kommt durch einen seltenen Chromosomenfehler mehrfach behindert zur Welt. Das Wochenbett verbringen sie im Krankenhaus, statt zur Krabbelgruppe gehen sie zum Kinderarzt.

Beindruckend ehrlich erzählt sie, was ihre behinderte Tochter für ihr Leben bedeutet: Gespaltene Reaktionen, schwierige Gewissensfragen, irrsinnige Bürokratie, dumme Sprüche - aber auch unendlich viel Freude, Glück und Liebe zum Leben.

Quelle: Fischerverlage







Foto: Carolin Weinkopf

Mareice Kaiser, Jahrgang 1981, lebt in Berlin und im Internet. Über ihr inklusives Familienleben als Mutter von zwei Kindern – mit und ohne Behinderung – berichtet sie auf ihrem Blog Kaiserinnenreich, mit dem sie innerhalb kürzester Zeit digitale Newcomer-Preise gewann. Als Journalistin veröffentlicht sie Artikel zu den Themen Inklusion, Geschlechtergerechtigkeit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf u. a. bei der tageszeitung (taz), ZEIT Online und im MISSY Magazine.

Quelle: Fischerverlage





"Ich könnte das ja nicht"

Mit diesem Satz sieht sich Mareice Kaiser seit der Geburt ihrer Tochter Greta nur allzu oft konfrontiert. Seit im Jahr 2011 ihre älteste Tochter mit einer Chromosomenanomalie zur Welt kam, änderte sich nicht nur das Leben dieser Frau sondern auch ihre gesamte Einstellung zum Thema Gleichberechtigung und Inklusion. Am eigenen Leib muss sie erfahren, was es bedeutet, von der Gesellschaft und deren abstrusen und leistungsorientierten Normen ausgegrenzt und verurteilt zu werden.

Für Mareice lief die Schwangerschaft normal und auch die übliche Vorsorgeuntersuchungen fanden statt. Vorbereitungen wurden getroffen und die Geburt konnte kommen. Als es dann im Kreissaal "Emergency Room statt Bullerbü" gab, saß der Schock tief und die Angst war allgegenwärtig. Statt mit dem ersten Kind die Zeit genießen zu können, gab es unzählige Wochen auf der Intensivstation und die ständige Befürchtung, Greta überlebt das nicht. Aber irgendwann können sie nach Hause und müssen nicht nur mit den neuen Lebensumständen zurechtkommen. Behördengänge, nervenaufreibende Gespräche mit Krankenkassen und Kämpfe mit Inklusionseinrichtungen, die dann irgendwie doch nicht so inklusiv sind, wie sie versprechen, strengen an und kosten Zeit. "Alles inklusive"? - hier wird schonungslos offen berichtet, wie Inklusion in den Köpfen der Behörden aussieht. Diese sehen nämlich nur die Zahlen und Kosten.

Diese Kämpfe kosten Kraft, aber da ich doch so viel mehr, als das. Nämlich Greta, die so ist wie sie ist, die soviel Liebe einfordert und auch gibt und ihren Eltern mit jedem Tag und jedem klitzekleinen Schritt zeigt, was wichtig im Leben ist. Es geht sogar soweit, dass sich Mareice und ihr Mann dazu entscheiden ein zweiten Kind zu bekommen. Ein gesundes Kind - ein krasser Gegensatz in Entwicklung und für Greta auch ein Bezugspunkt. Die zweite Tochter geht nicht unter, sie entwickelt sich großartig und wächst ohne große Erwartungen auf.
"Sie darf alles werden, sie ist jetzt schon so viel." (S. 224)

Dieses Buch ist ein starkes, ein poetisches und ein von Grund auf ehrliches Buch, welches sich mit dem schwierigem Thema der Behinderung und Inklusion sowie Toleranz auseinandersetzt. Die Autorin Mareice Kaiser schreibt nicht nur Bücher, sie bloggt auch auf Kaiserinnenreich - dem inklusiven Familienblog. Ob virtuell und im realen Leben muss sie sich aber nicht nur mit den offiziellen Einrichtungen rumärgern. Nein, auch "normale" Menschen wie du und ich machen ihr Vorwürfe, die teilweise schockierend sind. Ob es Kommentare sind, die wenn die Tochter nicht mehr leben würde, würde sie auch dem Steuerzahler nicht mehr zu Last fallen, sind da noch die netteren Dinge, die ihr an den Kopf geworfen werden.

"Während die Behindertenmutti verreist, muss die pflegebedürftige Kreatur auf Steuerzahler-Kosten betreut werden?" (S. 198)

Eine Aussage, die mich, die selbst tagtäglich mit schwerstmehrfach behinderten Menschen arbeitet, geschockt hat. Haben Mütter von behinderten Kindern nicht auch das Recht mal eine Auszeit vom Muttersein zu nehmen? Mareice Kaiser kämpft daher nicht nur für ihre Tochter mit besonderen Bedürfnissen sondern auch für sich, für ihre Emanzipation als Mutter mit besonderen Anforderungen. Ihr Buch ist eine starke Aussage für alle, die in der selben Situation sind und vielleicht nicht den Mut haben, damit so offen und mutig umzugehen. Mich jedenfalls hat diese Frau beeindruckt und auch mal einen Eindruck gegeben, einen Blick aus einem anderen Winkel - nämlich die der liebenden und stets kämpfenden Mutter.




Man kann sich nicht aussuchen, ob man ein behindertes Kind auf die Welt bringt. Auch Mareice Kaiser hatte diese Wahl nicht. In ihrem Buch "Alles inklusive" erzählt sie auf beeindruckender ehrlicher Weise von ihrem Alltagskampf und den wunderschönen Momenten mit ihrer besonderen Tochter. Es ist ein Buch, welches nachdenklich stimmt und teilweise auch wütend auf die "Achso tolerante" Gesellschaft macht. Ein poetisches Werk mit einer ernsten Aussage und doch so viel mehr.

Von mir gibt es


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen